Carlos Leal: Auf beiden Seiten der Linse

Nach 15 Jahren in Los Angeles hat Carlos Leal seinen Lebensmittelpunkt wieder in die Schweiz verlegt. Der Schauspieler, Fotograf und Musiker lebt heute in Zürich.
Ein Gespräch über den amerikanischen Traum, Authentizität und seinen Bezug zum Zurich Film Festival.

Interview: Michael Dominique Merz
Bilder von Carlos Leal: Marianne Buri

Carlos, Du hast rund 15 Jahre in Los Angeles gelebt. Warum eigentlich?

Meine Karriere lief in Europa gut, aber ich wollte international noch einen Schritt weiterkommen. Los Angeles war vor allem eine berufliche Entscheidung. Als sich die Möglichkeit einer Green Card ergab, dachte ich: Wenn ich es jetzt nicht versuche, werde ich es später bereuen.

Und irgendwann war der Amerikanische Traum vorbei?

Zumindest meiner. Als ich in die USA kam, war Barack Obama gerade gewählt worden. Es gab eine enorme Aufbruchsstimmung. Beruflich kann ich mich nicht beklagen: ich habe viel erreicht. Aber ich habe mich in Los Angeles nie wirklich zu Hause gefühlt. Als meine Ex-Frau mit den Kindern nach Europa zurückzukehren wollte, bildete die Schweiz quasi ein grünes Licht für uns.

Du bezeichnest Hollywood hin und wieder als «Popcorn Industry». Wie ist das zu verstehen?

Das ist natürlich ein Bild. Ich meine die kommerziellen Studioproduktionen. Ja, zugegeben: ich fühle mich dem europäischen Kino oft näher. Amerika war okay. Aber irgendwann im Leben muss man sich eingestehen, wo es für dich kulturell wichtiger ist. Als Künstler möchte ich so authentisch wie möglich arbeiten. 

Schmelztiegel wie Paris wären für einen Künstler naheliegender – warum also jetzt Zürich?

Ich habe bereits in Paris, Berlin und Madrid gelebt. Ich bin 57, nicht 30. Zürich liegt hervorragend. Man ist schnell überall in Europa, und ich kenne hier viele Menschen. Vielleicht fehlt manchmal ein wenig der Geruch der Strasse. Aber mein Beruf als Schauspieler bildet schon genug „Rat Race“. In der Schweiz muss ich nicht ständig erklären, wer ich bin. Ich kann hier zwischendurch herunterfahren.

Du wohnst in Altstetten, nicht unbedingt im postkartenhaften Zürich.

Bewusst. Zuerst war ich beim Römerhof, am Fusse des Zürichbergs. Sehr hübsch, aber für mich fast etwas zu „trop cool“. Altstetten erinnert mich stellenweise an Belleville in Paris. Menschen aus vielen Ländern leben nebeneinander, und die Leute grüssen sich noch. Das mag ich.

Neben der Schauspielerei ist Fotografie wichtig geworden. Was bedeutet die Kamera für dich?

Reisen verändert den Blick. Wer verschiedene Länder und Kulturen erlebt, lernt die Welt aus mehreren Perspektiven zu sehen. Als ich in Los Angeles intensiver fotografierte, entdeckte ich ein anderes Hollywood, ein anderes Amerika.

Was haben Schauspiel und Fotografie gemeinsam?

Präsenz. Beim Schauspiel ist es fatal, wenn du innerlich schon beim nächsten Satz bist. Du musst auf das reagieren, was tatsächlich passiert. Ich würde sagen bei der „Street Photography“ ist es genauso. Du machst das Bild nicht wirklich, die Welt zeigt sich dir erst. Wenn du aber stets über deine Steuern, deine Ex oder morgen nachdenkst, siehst du die Welt der Fotografie nicht.

Also ist das beste Bild Zufall?

Nicht ganz. Du musst vorbereitet sein, darfst aber nicht verkrampft suchen. Ich bin schon ganze Tage mit dem Gedanken herumgelaufen: Heute muss ich das perfekte Bild finden. Natürlich fand ich keines. Und dann erwartest du nichts und plötzlich ist es vor dir; und klick. 

Was inspiriert dich derzeit?

Fotografie, ästhetisch wie gesellschaftlich. Musik weiterhin. Und Bücher. Als Schauspieler verbringst du viel Zeit mit Texten, die du dir nicht ausgesucht hast: Auditions, Self-Tapes, stundenlange Vorbereitung – oft ohne den Job zu bekommen. Und nicht jedes Drehbuch ist so gut wie von Paul Thomas Anderson, dem US-Regisseur. 

Und in der Freizeit? 

Wenn ich frei habe, kehre ich gerne zu Literaturklassikern zurück.

Das Zurich Film Festival scheint für dich inzwischen fast ein Fixpunkt zu sein.

Ich gehe hin, so oft ich kann. Jetzt, wo ich wieder in Zürich lebe, freue ich mich darauf, Ende September möglichst viele Filme zu sehen. Festivals sind natürlich Branchentreffen, aber für mich geht es tatsächlich zuerst um Nischenfilme.

2024 waren Sie mit Lisa Brühlmanns «When We Were Sisters» im Wettbewerb des ZFF. Für das diesjährige Festival hast du wieder Projekte erwähnt.

Ja, aber da muss man vorsichtig sein. Zwei Arbeiten mit mir wurden dem Festival eingereicht. Solange die Auswahl nicht offiziell als Premiere bestätigt ist, möchte ich daraus keine Geschichte machen. Eines ist «Où est Ava?» von Romed Wyder, in dem ich die Hauptrolle spiele. 

Eine dystopische Geschichte über eine Familie, die vor einem Virus in die Berge flieht. Der Film spielt mit Geschlechterrollen und Erfahrungen, die wir seit Covid kennen. Das andere Projekt ist gar ein Dokumentarfilm über mich. Ein Freund hat mich dafür rund zwei Jahre begleitet – und zeigt nicht nur die angenehmen Seiten meines Lebens.

Du hast den Dokumentarfilm selbst noch nicht an einem Festival gesehen?

Nein. Ich habe ihn überhaupt noch nicht gesehen. Einer meiner besten Freunde hat sich ihn angeguckt. Mein Freund meinte jedoch: «Wir sehen auch gern deine Schattenseiten.» Das genügte mir.

Parallel dazu steht Sens Unik wieder auf der Bühne. War die Reunion geplant?

Überhaupt nicht. Wir glaubten zunächst nicht, dass sich noch jemand dafür interessieren würde. Ein Freund der Band wünschte sich zum Geburtstag eine Reunion. Eine Woche später sagte er: Die Festivals wollen euch. Wir planten einen Sommer. Danach kam eine Wintertour mit 13 Konzerten, fast alle sold out. Dann dachten wir: Jetzt ist Schluss. Und noch immer spielen wir.

Was macht diese Konzerte heute anders für euch?

Das Publikum. Menschen aus unserer Generation kommen mit ihren Kindern, die teilweise selbst schon 20 oder 25 sind. Früher waren wir einfach eine Band, die ihren eigenen Weg ging. Heute bringen wir viele für 90 Minuten zurück in eine Zeit, in der sie selbst jung waren. Wir versuchen dabei gar nicht, etwas zu inszenieren oder einem früheren Bild von uns nachzueifern. Wir möchten einfach so authentisch wie möglich sein.

Ist Sens Unik damit zur eigenen Tribute-Band geworden?

Genau das wollen wir vermeiden. Wir haben ungefähr 130 Songs aufgenommen. In einem Konzert können wir vielleicht 14 oder 15 spielen. Natürlich gehören bekannte Stücke dazu, aber auch politische, soziale oder experimentellere Songs, die nie Radiohits waren. Und wir haben zwei neue Stücke aufgenommen. Wir versuchen nicht, Hip-Hop neu zu erfinden. Wir spielen einfach unsere Musik.

Du meinst, viele Texte hätten nichts von ihrer Aktualität verloren?

Leider. Manche gesellschaftlichen und politischen Texte funktionieren heute genauso wie in den 1990er-Jahren. Das ist nicht unbedingt ein Kompliment an unsere Zeit.

Ist Altstetten/Zürich nun wirklich deine Heimat?

Im Moment ja. Für immer? Keine Ahnung. Zürich ist eine sehr gute Basis. Und kreatives Unterwegssein gehört wahrscheinlich ohnehin zu mir.

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